Interview einer Betroffenen - Marie deckt auf

In diesem Blog werde ich meine beste Freundin Marie interviewen. Sie wird etwas von sich erzählen und was sie durchgemacht hat.

 

 

Ich: Hi Marie. Es freut mich, dass du dir heute Zeit genommen hast für das Interview. Wie geht es dir denn zur Zeit?

 

Marie: Wie soll man sagen? Tag ein, Tag aus muss es doch wohl klappen, oder? Auch, wenn ich im Moment eher heulen und mich verstecken könnte, bis mich einer leblos findet; aber so sind eben die Krisen, würden die Experten meinen. Aber so weit so gut. Meine Therapie hilft mir, meine Vergangenheit zu verarbeiten. Und du auch 🙈.

 

 

Ich: Was ist denn passiert, dass du dich ritzt?

 

Marie: Uii, das ist eine lange Geschichte, die ich dir schonmal erzählt habe. Aber für die Follower erzähle ich sie nochmal...

Mit 17 bin ich von meinen Erzeugern abgehauen, für diese ich egal bin. Sie haben mich nur gezeugt, um das Kindergeld zu bekommen. Auch, wenn es hart klingt, ist es leider wahr. Sie schlugen mich, wenn mein Erzeuger (Ihr Dad) getrunken hatte. Ich kann mich noch daran erinnern, wie er mich am Handgelenk packte und mich in einem Raum eingesperrt hatte, mit der Begründung, dass ich abhauen wollte. (Kurze Info für euch alle... Marie leidet an schwerer Klaustrophobie - also Platzangst. Das ist eine panische Angst vor kleinen und/oder geschlossenen Räumen, sobald keine Fluchtmöglichkeit mehr vorhanden ist). Das sind eben meine Eltern oder wie ich sie nenne "Erzeuger". Aber wie man es nimmt, man haut ab und ist in einer neuen Welt auf sich allein gestellt. Auf der Arbeit hatte ich keine Freunde.  Als mich einige Kollegen schlugen, habe ich mich gewehrt, was aber nach hinten losging. Ich kämpfe jeden verdammten Tag ums Leben. Mitschüler/Kollegen klauen dir dein Geld und Essen und du wirst nur noch verprügelt. Irgendwann sah ich nur noch den Ausweg in der Klinge. Auch gekifft habe ich.

 

 

Ich: Was genau fühlst du immer, wenn du dich geritzt hast?

 

Marie: Ich fühle mich erleichtert, wenn ich die tiefen Schnitte sehe; wie langsam sich die Rille mit Blut füllt. Ich merke dann auch, wie meine Atmung langsamer wird und ich mich in einer Art Rausch befinde. Je mehr man schneidet, umso mehr Schnitte brauche ich, um den Rausch aufrecht zuerhalten.

 

 

Ich: Seit wann ritzt du?

 

Marie: Ich ritze im Grunde genommen, seit ich sieben bin. Für alle Follower, ich bin 17, fast 18.

 

 

Ich: Wie viel hast du am Tag geritzt und wann?

 

Marie: Am Tag mehrmals, bis zu 6x. Manchmal auch bis zu 10x täglich. Alleine am Abend, wenn niemand sieht, was ich mache. Es gab auch Zeiten, wo ich in der Schule geritzt habe; vor den Lehrern oder auf dem Klo (auch öffentlich). Vor den Mitmenschen, in Gassen, Einkaufsläden, Bus, Zug, Taxi, einfach überall, sobald ich den Druck dazu hatte.

 

 

Ich: Was hat deinen Ritzdruck immer ausgelöst (getriggert), dass du letztendlich nur noch die Klinge als Lösung sahst?

 

Marie: Der schulische Stress, aber auch der mit meinen Erzeugern, die mich kaputt gemacht haben. Die haben mich sogar in eine Anstalt gesteckt, obwohl ich gesund war. Eine Freundin hatte sich auch als tot ausgegeben, dabei lebte sie aber (das hatte ich heute erst erfahren). Selbsthass ggü. mir - ich war nie mit mir zufrieden, überall sah ich meine Fehler, Macken und Ängste. Ich kam schon so auf die Welt mit Selbstzweifel, ohne Freunde, ohne Freund und ohne Liebe - eben immer allein. Da kommt man eben schon mal auf dumme Gedanken. Erst der Alkohol, dann Drogen und letztendlich das Messer/die Klinge. Das ging sogar so weit mit dem Ritzen, dass ich mir damit mehr als einmal das Leben nehmen wollte. Es hat fast sogar funktioniert, aber gottseidank war der RTW früh genug da. Das war nicht gerade schön. In Pausen hatte ich mich auch immer geritzt, wenn niemand hinsah. Im Sport habe ich so getan, als hätte ich meine Tage, dabei ich eigentlich geritzt hatte.

 

 

Ich: Seit wann ritzt du dich nicht mehr?

 

Marie: Das weiß ich nicht mehr. Das kann so gegen Ende 2019 sein. Ich habe es meinem Freund versprochen, dass ich es sein lasse. Er hatte sich auch geritzt.

 

 

Ich: Warum ritzt du dich nicht mehr?

 

Marie: Am Ende merkt man selbst, dass man voller Narben übersäht ist. Die kann man nicht abwischen, wie Schminke oder Tränen. Wie sage ich immer: "Jede Narbe hat eine Geschichte zu erzählen und die Geschichte ist nun zu Ende."

 

 

 

Ich: Hast du Tipps für Betroffene?

 

Marie: Nein, habe ich nicht. Ich habe mich leider alleine herausgeboxt, wobei du nicht gerade untätig dabei zugesehen hast :-)

 

 

Ich: Erzähle was über dich. Warum bist du so, wie du jetzt bist?

 

Marie: Ich habe mich in der Sekunde verändert, in der ich nach meiner Arbeit abgehauen bin - weg von meinen Erzeugern. In dieser einen Sekunde siehst du, wie das Leben wirklich aussieht, wie die Welt einen vergisst. In der Sekunde, wo du am meisten Hilfe brauchst, bekommst du sie eben nicht und stehst erst einmal alleine da. So alleine, dass es niemand merken würde, wenn ich weg wäre. Ich kann nicht heilen und erleide bald einen Rückschlag vom Ritzen. Ich will helfen, aber ich fliege immer selbst auf die Fre**e und das macht einen Menschen aus, der fast alles verloren hat.

 

 

Ich: Was hat dich geprägt?

 

Marie: Das Leben hat mich geprägt, denn depressive Menschen sehen nur noch den Abgrund, für immer. Jeder Mensch ist anders und ich bin eben von Schmerzen geprägt. Und zum Abschluss noch mein Lieblingszitat von Zate:

 

"Gib' mir einen Strick und hänge mich auf"

 

 

Ich: Danke Marie, dass du heute bei mir warst und ein paar Fragen beantwortet hast. Ich wünsche dir wirklich alles Gute für dein Leben und viel viel Glück.

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