SVV und die Öffentlichkeit

SVV steht für "selbstverletzendes Verhalten". Das bedeutet, dass eine Person bewusst oder unbewusst sich selbst Schaden zufügt, um einem bestimmten Leiden zu entkommen. SVV ist relativ unbekannt, wenn man keinen im Freundeskreis oder der Familie hat, der bereits davon betroffen ist/war. SVV selbst ist keine Krankheit, aber eine Art Sucht. Es gibt auch verschiedene Formen des SVV:

  • mit Faust gegen Wand schlagen
  • Knochen brechen
  • sich selbst verbrennen
  • sich selbst schlagen
  • Ritzen (die wohl bekannteste Form)

 

Was kann aber zu SVV führen?

Es gibt viele Gründe, weshalb ein Mensch sich selbst versucht zu verletzen, aber eins haben alle Gründe gemeinsam: Sie belasten den betroffenen Menschen und verursachen eine psychische Blockade oder Druck, der nur noch schwer zu bändigen ist. Meist sind es traumatische Ereignisse der Kindheit, die die betroffenen zu SVV veranlassen. Es kann aber auch nur Liebeskummer oder zu hoher Druck bei Schule/Beruf und Familie sein.

 

Menschen, die von SVV betroffen sind, brauchen dringend Hilfe. Dennoch sollte es respektiert werden, wenn der Betroffene Mensch alleine gelassen werden möchte. Doch sollte man ihn dennoch im Auge haben. 95% aller Betroffenen von SVV haben mindestens einmal einen Suizidversuch unternommen. Nur der geringste Teil aller SVV-Betroffenen schafft es selbst Hilfe anzufordern. Das hat meist den Grund, weil die Menschen entweder kein Vertrauen in fremde Personen haben oder lediglich aus Scham. Die Sichtweise von SVV-Betroffenen richtet sich immer mehr ins Pessimistische, wodurch eine große Gefahr zur Depression besteht.

 

Solltet Ihr eine Person kennen, die hiervon betroffen ist, versucht diese ganz vorsichtig darauf anzusprechen. Nicht gleich direkt und überstürzt, denn der Schuss kann schnell nach hinten losgehen. Ihr könnt euch auch mit einem Lehrer, Sozialarbeiter Eurer Schule, Ausbilder oder Euren engsten Vertrauten (Eltern, Freunde) darüber unterhalten.

 

Sollte die Person sich dennoch selbst outen,  reagiert um Gottes Willen nicht mit Verständnislosigkeit, denn das wird die Person definitiv einschüchtern und mehr Schamgefühle zutage fördern. Das ist übrigens auch der häufigste Fehler, den die Mitmenschen machen. Ihr solltet nach dem Grund fragen oder besser... Fragt, ob alles in Ordnung ist. Sicher denkt Ihr, "Wieso sollten wir fragen, ob alles okay ist. Die Person hat sich doch geoutet, dass es ihr eben nicht gut geht!". Eure Gedanken sind berechtigt, aber nur auf diesem Blog. Wenn Ihr zu direkt zu schnell alles Erfahren wollt, dringt Ihr womöglich zu sehr in die privaten Gefühle des Betroffenen ein, was diese durchaus verängstigen kann.

 

Auch solltet Ihr eine solche Person nicht verachten. Sie kann nichts dafür. Gerade jetzt braucht die Person Menschen, denen sie vertrauen kann; Freunde. Die Einsamkeit wirkt sonst nur wie ein Katalysator, der den Teufelskreis nur noch mehr zum drehen bringt. Denn wenn die Person merkt, sie wird beachtet, es gibt Mitmenschen, die sich sorgen und aufeinander aufpassen und für einen da sind, dann wird das SVV schnell abnehmen. Alleine, dass Ihr einfach nur für den Betroffenen da seid, kann viel bewirken. Meist hilft schon eine Umarmung, sofern es der Betroffene zulässt oder ein paar nette Worte. Natürlich ist das alles auch abhängig von der Person selbst und wie Ihr das rüberbringt, aber theoretisch funktioniert das; praktisch mindestens eine Variante. Denn wie gesagt, wenn die Person einsam und allein ist, verstärkt es sich nur und es endet meist leider in Suizid.

 

Was genau ist denn nun SVV?

Ich habe eben viel darüber geschrieben, wie es zu SVV führen kann, aber was genau ist das denn nun? Nun, wie schon ganz oben in diesem Blog beschrieben, gibt es mehrere Äußerungen des SVV. Die häufigste und auch bekannteste ist Ritzen. Auch bekannt als schnibbeln.

 

Menschen, die von SVV betroffen sind, benötigen Hilfe. Denn diese sind dermaßen psychischen Belastungen ausgesetzt, dass diese keinen anderen Weg mehr erkennen diese zu mildern, als sich selbst zu verletzen. Das klingt erstmal recht unglaubwürdig. Ich selbst kann davon berichten, wie ich mal selbst zu mir sagte: "Ich kann mir nicht selber wehtun!" und trotzdem hatte auch ich geritzt. Denn auch ich war psychisch einem sehr großen Druck ausgesetzt. Aber wieder zurück zur allgemeinen Form. Es können auch schlimme oder traumatische Ereignisse sein, die einen Menschen dazu bewegen, sich zu verletzen. Dabei geht es weniger darum, sich zu verletzen, als physischen Schmerz zu spüren.

 

Beobachtungen zufolge werden Betroffene als recht "gefühlskalt" empfunden, da diese ressistent gegen jegliche Form von Emotionen sind. Das SVV hat sie sozusagen "abgehärtet" und lässt sie nur noch sehr starke Emotionen spüren. Wie z.B. den Schmerz beim Ritzen. Der Grund, weshalb es dennoch sogar lebensgefährliche Verletzungen geben kann und evtl. wird, liegt darin, dass der Betroffene immer weniger an Schmerz wahrnimmt. Bzw. der Organismus gewöhnt sich an den ständigen Schmerz der Klinge auf der Haut, weshalb die Person immer öfter oder schlimmer bzw. heftiger ritzen muss um den Organismus zu befriedigen.

 

Betroffene sehen es wirklich als Erleichterung an, kurz nachdem diese sich verletzt haben. Ich habe in der psychologischen Fachwelt einen sehr guten Vergleich für dieses Bild gefunden: Drogen. Ja, richtig gelesen, Drogen.

 

Das ist logisch betrachtet einer der besten Vergleiche, die man für das gesamte Thema SVV überhaupt haben kann. Doch wie hängt das zusammen? Stellen wir uns eine Frau vor. Sie heißt Shannon und ist 17 Jahre alt. Shannon ist von SVV betroffen. Und nun stellen wir uns noch einen Mann vor, den wir Jack nennen und er ist 37 Jahre alt. Jack ist drogenabhängig.

 

Wie Jack, hat Shannon ersteinmal mit kleinen Dosen angefangen, also nur ganz klein und wenig geritzt. Nur, dass Jack kleine Dosen an Drogen kosnumierte und in seinem Gehirn Glückshormone zur Befriedigung und Belohnung ausgeschüttet werden. Der gleiche Vorgang läuft bei Shannon ab.

Einen Monat später...

Jack kann fast nicht mehr ohne seine Drogen. Er bekommt sofort Entzugserscheinungen, bekommt er nicht mehr seine Dosis, die nun 5mal so hoch ist, wie noch zu Anfang.

Shannon greift nun leider fast täglich zur Klinge, da sie die Belastungen nicht mehr aushält. Auch sie hat eine Art "Entzugserscheinungen", wenn sie nicht zur Klinge greift und sich verletzt. Auch hier werden Glückshormone ausgeschüttet, die das Gehirn quasi "belohnen".

 

Beide können nicht mehr ohne Drogen/Klinge sich konzentrieren oder normal leben. Beide haben sich dadurch stark verändert und beide brauchen Hilfe.

 

Okay, aber was sind die Klischees?

SVV ist in der Öffentlichkeit leider ein Tabu-Thema. Es wird leider nur sehr selten darüber geredet. Und wenn, dann sind es zu 99% junge Mädchen im Alter von 14 bis 19 Jahren, die davon betroffen sein sollen. Das ist ein Klischee. Sowohl Jungen, als auch Mädchen können von SVV betroffen sein. Tatsache ist aber dennoch, dass die Anzahl der weiblichen Betroffenen höher ist, als die des anderen Geschlechts.

 

In der Öffentlichkeit wird SVV auch immer als Ritzen dargestellt. Das ist leider auch ein Klischee, da - wie schon beschrieben - es mehrere Formen des SVV geben kann. Ritzen trifft meist bei Mädchen zu, während sich Jungen eher Knochen brechen oder verbrennen. Aber durchaus können auch Jungen sich ritzen (wie ich) und Mädchen sich Knochen brechen bzw. verbrennen.

 

Ich persönlich finde es äußerst Schade, dass die Öffentlichkeit kaum darüber spricht; und wenn, dann uns nur solche Klischees auftischt. Ich hoffe, ich konnte Euch ein bisschen etwas nützliches über das Thema SVV berichten.

 

Wo kann nun Hilfe angefordert werden?

Nun, in erster Linie kann bei Freunden, Verwandten, Lehrern oder anderen Personen, denen Ihr vertraut Hilfe geholt werden. Wichtig ist anzumerken, dass nicht nur die Betroffenen, sondern auch Mitmenschen, die von Betroffenen wissen, zu Vertrauenspersonen gehen und um Rat fragen.

 

Wenn Ihr wirklich alleine seid und mit niemandem darüber sprechen wollt, gibt es die kostenfreie, europaweite Hotline 116 111, bei der Ihr anrufen könnt. Hier arbeiten ehrenamtliche Menschen, die sich aufmerksam das Problem derjenigen am Telefon anhören. Sie gehen weder dazwischen, noch wird etwas von sich selbst berichtet. Der Anrufer/Die Anruferin steht hier im Mittelpunkt. Hier besteht auch kein Zeitdruck.

 

Sobald du dein Problem geschildert hast, gibt es erstmal einen verdienten Lob. Einen Lob dafür, dass die Person den Mut hatte, dort anzurufen. Der Lob ist auch wirklich verdient, denn es braucht wirklich eine gehörige Portion Mut, um das vollbringen zu können. Dann wird der Grund gemeinsam analysiert. Ist es die Familie oder doch eher die Schule? Die "Zuhörer" haben die Schweigepflicht, heißt, sie dürfen nicht ein Wort an Dritte weitersagen (mit der Ausnahme, Ihr sagt wirklich eindeutig, dass Ihr oder eine Person, die Ihr kennt, sich umbringen will - Dann wird die Polizei informiert, da hier Lebensgefahr besteht). Ihr müsst euch dort nicht mal mit eurem Namen nennen. Wenn das geschafft ist, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

In dem Video hier ist nochmal alles zusammengefasst.

 

Was kann ich gegen SVV tun (speziell Ritzen)?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, SVV zu verhindern bzw. den Drang diesen durchzuführen zu verhindern. Da ich selbst lediglich Erfahrung mit dem Ritzen habe, werde ich auch nur darauf eingehen. Ihr könnt aber gerne in den Kommentaren noch einige Punkte ergänzen. Dankeschön jetzt schonmal...

 

Um dem Körper zu sagen, dass es falsch ist, zur Klinge zu greifen, muss das Gehirn quasi bestraft werden, wenn es daran denkt. Zum Beispiel könnt Ihr an etwas sehr unangenehmen riechen oder Ihr duscht ganz kalt, wenn Ihr den Drang zum Ritzen verspürt. Wenn Ihr was ganz scharfes esst (z.B. eine Chillischote), dann bewirkt das auch etwas. Manche sagen auch, dass es hilft, ein Gummiband auf die Haut schnippsen zu lassen oder sich rote Striche aufzumalen.

 

Was hier mit Euch passiert, wenn Ihr es wirklich schafft, das durchzuziehen, ist, dass Euer Gehirn, Euer Unterbewusstsein für den Gedanken des Ritzens bestraft wird. Denn - bis auf die roten Striche - sind alle Dinge recht unangenehm. Heißt, wenn Ihr, wenn ihr den Drang habt, zur Klinge zu greifen, z.B. etwas sehr scharfes esst und dass immer wieder, wenn Ihr den Drang habt, versteht Euer Gehirn langsam, dass der Gedanke böse und falsch ist, da keine Glückshormone zur Belohnung mehr ausgeschüttet werden. Ihr klopft quasi damit Eurem eigenen Gehirn auf die Finger. Damit versteht Euer Unterbewusssein, dass das falsch ist und versucht sich andere Wege zu erhaschen, um den Druck loszuwerden.

 

Ich weise darauf hin, dass das lediglich eigene Worte sind und keine fachlich, psychologische Analyse!

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